Action am Prüfstand 3

Action am Prüfstand 3

Wie von Geisterhand schiebt sich das schwere Stahltor zum Prüfstand auf, Musik ertönt, künstlicher Nebel steigt auf. Mitten hindurch schreiten die Frauen und Männer vom Prüfstandteam. Als die Präsentation am Mittwoch ihren Höhepunkt erreicht, fühlen sich die Gäste in einen Actionfilm aus Hollywood versetzt. In dem großen Moment, als der Blick auf das Testtriebwerk im Prüfstandgebäude 208 endlich freigegeben wird, applaudieren die Gäste in der Halle. Dann begrüßt Moderatorin Christiane Rudzinski Dr. Joachim Wulf, der die Bühne betritt. „Es ist mir eine große Freude, Ihnen das Clean-Sky-SAGE-4-Technologieprogramm quasi auf seinem Höhepunkt zu präsentieren – inmitten eines aufregenden Testprogramms, das mit Sicherheit eines der Highlights in meiner Karriere als Ingenieur darstellt“, sagt der Chief Engineer Technologie-Demonstratoren und -Rigs.

Und ganz sicher ist es auch eines für die MTU Aero Engines.

Mehr als 100 Gäste haben sich am Mittwoch im Aufrüstraum des Prüfstands 3 am Münchner Standort eingefunden. Es sind wichtige Vertreter aus Politik und Wirtschaft, vom Clean Sky Joint Undertaking, angeführt von Eric Dautriat, Executive Director, von Universitäten und Forschungseinrichtungen und den am Programm beteiligten Partnerunternehmen. Und auch Dr. Helmut Greinke, Ministerialrat im Bundeswirtschaftsministerium. Sie alle sind gekommen, um das SAGE4-Demonstrator-Triebwerk zu besichtigen, dessen Testläufe die MTU verantwortet.

SAGE steht für Sustainable And Green Engines, also nachhaltige und grüne Triebwerke: SAGE 4 ist einer von fünf Demonstratoren im SAGE-Konsortium. Die Arbeiten der MTU im Rahmen des europäischen Technologieprogramms Clean Sky zielen darauf ab, mit dem auf dem PW1500G basierenden Demonstrator neue Technologien zu validieren, unter anderem für das Performance Improvement Programm für die A320neo. Clean Sky ist das größte von der EU geförderte Forschungsprogramm: Über 600 Partner arbeiten an neuen Technologien für eine noch sauberere Luftfahrt.

„Unsere Basis ist die fortschrittliche Getriebefan-Technologie“, erklärt Technik-Vorstand Dr. Rainer Martens in seiner Eröffnungsrede. „Ich freue mich sehr, dass wir im Rahmen von Clean Sky nicht nur neue Technologien für unsere Komponenten entwickeln konnten, sondern für einen kompletten Demonstrator verantwortlich zeichnen.“ Er erinnert sich an das Jahr 2008, als alles begann: „Damals haben wir erkannt, dass die Möglichkeiten des Getriebefans noch längst nicht ausgereizt sind. Und heute können wir das Ergebnis unserer Anstrengungen präsentieren: SAGE 4, einen GTF mit neuester  Hochdruckverdichter- und  Niederdruckturbinentechnologie.“ Applaus.

Konkret werden im Demotriebwerk zahlreiche Technologieelemente auf ihre Entwicklungsreife hin überprüft, mit dem Ziel, sie in der kommenden Generation von GTF-Triebwerken zum Einsatz zu bringen. Im Mittelpunkt stehen etwa neue Designs für Schaufeln und Gehäuse, leichtere und temperaturbeständigere Werkstoffe sowie Bauteile, die mit fortschrittlichen Herstellverfahren, etwa der additiven Fertigung, produziert wurden. Getestet wird auch eine von der MTU entwickelte Bürstendichtung mit signifikant verbesserter Dichtungswirkung.

„Das von der MTU verantwortete SAGE-4-Demotriebwerk ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein aktuelles Triebwerkskonzept durch die Entwicklung einer Reihe zusätzlicher Technologien weiter optimiert werden kann“, sagt Eric Dautriat von Clean Sky. Dabei dankt er der MTU ausdrücklich für die geleistete Arbeit und gratuliert zu diesem Erfolg.

Den Ablauf des derzeit laufenden Testprogramms skizziert Dr. Joachim Wulf im Anschluss. Drei von sechs Testblöcken sind abgeschlossen. „Bei den Tests geht es uns nicht nur darum, die Technologien unter regulären Betriebsbedingungen zu erproben. Wir wollen ihr Verhalten auch jenseits der üblichen Limits verstehen – das heißt bei höheren Temperaturen, bei höheren Drehzahlen und unter ungewöhnlichen Einlaufbedingungen.“

Sobald die Prüfläufe beendet sind, geht es an die detaillierte Auswertung, die vermutlich in den ersten Monaten des nächsten Jahres abgeschlossen sein wird. Wenn Clean Sky 1 Ende 2016 ausläuft, sollen die neuen Technologien „für den nächsten Evolutionsschritt des aktuellen Getriebefans bereits zur Verfügung stehen“, sagt Wulf.

Parallel zu SAGE 4 bereitet sich die MTU auf das Nachfolgeprogramm Clean Sky 2 vor. Zur Erprobung der neuen Technologien werden wieder Demonstratoren genutzt, die zwischen 2017 und 2020 getestet werden sollen. Dann steht vielleicht die nächste große Präsentation in München an.

Autor: Philipp Schneider