Südwesten der USA, Nevada, Nähe Las Vegas: Zehnmal im Jahr kommt in ein mehrere tausend Quadratkilometer großes Wüstengebiet mächtig Bewegung. Wenn die US Air Force eine der größten Luftkriegsübungen der Welt durchführt, ist zu Lande und in der Luft eine Menge los. Erstmals mit dabei waren im Juni dieses Jahres nachgerüstete Eurofighter Typhoon der britischen Royal Air Force (RAF). Mit Erfolg: Der europäische Kampfjet brillierte in allen Einsätzen.
Die Verfügbarkeit der europäischen Maschinen lag bei nahezu 100 Prozent und das hat selbst die Hausherren beeindruckt: „Angesichts meiner Erfahrung mit Gästen habe ich hier eine höhere Ausfallquote erwartet“, gesteht Lieutenant Colonel Ron Hanselman. „Die RAF kam wirklich gut vorbereitet hierher. Sie haben dabei nicht nur an die Flugzeuge gedacht, sondern auch an die logistischen Taktiken und Feinheiten”, lobt der leitende US-Stabsoffizier des Manövers. Angetreten war die 11. Squadron der britischen Royal Air Force. Wing-Commander Gavin Parker hat sieben zusätzlich mit integrierter Laser-Ziel-Beleuchtung ausgerüstete Maschinen seiner Staffel auf den US-Stützpunkt Nellis Air Force Base in der Nähe von Las Vegas verlegt. Dazu gesellten sich drei Eurofighter Typhoon der 17. Staffel. Insgesamt wollten 20 britische Piloten und 150 Kräfte des technischen und logistischen Personals im Rahmen der von US Air Force und US Army abgehaltenen Übung Green Flag West nachweisen, dass der Eurofighter im Einsatz mehrrollenfähig ist und das ihm zugewiesene Einsatzspektrum abdeckt. Nach dem Einsatz war klar: Die Maschinen sind in der Lage, nicht nur eine günstige Luftlage zu garantieren oder zu erringen, sondern auch Angriffe abzuwehren und alle Ziele bei Tag und Nacht, bei jedem Wetter und auf jede Distanz präzise zu bekämpfen.
Das Wüstenmanöver Green Flag bereitet Luft- und Bodentruppen unter realistischen Bedingungen auf den Kampfeinsatz vor. Beteiligt sind pro Übung mehrere tausend US-Soldaten, Soldaten wechselnder Koalitionspartner sowie mehrere tausend Zivilisten. Dörfer, Flugplätze und Luftabwehrstellungen werden als Kulisse in der Wüste aufgebaut.
Seit dem Irak-Krieg läuft das Manöver immer nach dem gleichen Muster ab. Neben Angriff und Zerstörung von Zielen aus der Luft gehört auch die Eskort-Rolle für Konvois der eigenen Bodentruppen dazu. Zum Beispiel fahren 24 Fahrzeuge durch die Wüste; Aufgabe der Piloten ist es, feindliche Aktivitäten in der Nähe auszumachen und zu verfolgen. Ein dabei zu übendes Manöver ist der schnelle Tiefflug, um die Angreifer abzuschrecken und zu zerstreuen.
Wing-Commander Gavin Parker: „Die Komplexität der Übungen als Vorbereitung auf heutige Operationen war erstaunlich.” Im europäischen Raum wird das Üben taktischer Verfahren im Bereich der Luftnahunterstützung (Close Air Support) fliegender Waffensysteme durch Lärmschutzverordnungen, Tiefflugverbote und Vorschriften für das Mitführen scharfer Bewaffnung streng reglementiert. Nicht so in der amerikanischen Wüste: Im Umkreis von mehreren tausend Quadratkilometern um die Nellis Air Force Base gibt es nur Sand und Gebirge und damit optimale Voraussetzungen für komplizierte Luftkriegsübungen in großem Umfang.
Pro Tag wurden während Green Flag Operationen mit bis zu 24 Flugzeugen absolviert; sie dauerten bis zu neun Stunden. Simuliert wurden vielfältige Bedrohungen, etwa durch Luftabwehrraketen, bewaffnete Drohnen oder feindliche Flugzeuge. Geübt wurde auch die Entlastung bedrängter Bodentruppen durch Einsätze aus der Luft. Manöverleiter Hanselman: „Green Flag ist eine sehr wichtige Übung, denn viele der beteiligten Soldaten stehen unmittelbar vor dem Kampfeinsatz.“ So soll zum Beispiel die 14. US Air Force Staffel aus Misawa in Japan noch in diesem Jahr in den Irak verlegt werden.
Die RAF-Eurofighter konnten pro Tag mehrere Einsätze mit einer Dauer von bis zu 120 Minuten fliegen. Ermöglicht haben das Techniker, die in zwei Schichten am Boden gearbeitet haben. Die Bewaffnung entsprach der für den Ernstfall vorgesehenen Ausrüstung. Das heißt: Die Maschinen führten für den Luft-Luft-Bereich die Kurzstrecken-Luft/Luft-Lenkflugkörper ASRAAM, IRIS-T oder die AIM-9L Sidewinder mit. Für den Mittelstreckenbereich ist je nach Nation die AIM-120 AMRAAM an Bord und für den Bereich Luft-Boden wurde die lasergelenkte Paveway II und GBU-16 auf die Kampfstationen montiert. Mit diesem Beladungszustand ist der Eurofighter Typhoon bis zu einer Belastung der neunfachen Erdanziehungskraft für extreme Flugmanöver freigegeben. Und bis an diese Leistungsgrenze haben die Piloten die Kampfjets in der Wüste Nevadas auch getrieben – durch die Ausnutzung der vollen Leistung der beiden schubstarken EJ200-Triebwerke.
Der vom Eurojet-Konsortium entwickelte Antrieb hat einen Schub von 60 kN, der sich mit Nachbrenner auf 90 kN steigern lässt. Damit erreicht der Eurofighter bei voller Kampfbeladung in weniger als zweieinhalb Minuten die eineinhalbfache Schallgeschwindigkeit und eine Flughöhe von 11.582 Meter. Dazu bedarf es nicht nur exzellenter Fähigkeiten der Piloten in der Luft, sondern auch perfekter Unterstützung durch eine schnelle und präzise Wartung am Boden.
In die USA wurden die Flugzeuge der 11. Staffel mit einem „primary-equipment-pack“ verlegt. Dieses erlaubt Operationen von acht Maschinen mit einer Ersatzteil-Grundausstattung für vier Wochen. Das gesamte Material kann in einer Hercules C-130J untergebracht werden, ist also nicht besonders umfangreich. Das freut Aloysius Rauen, CEO der Eurofighter GmbH: „Der Eurofighter Typhoon ist für den kosteneffizienten Einsatz zu geringen Betriebskosten entwickelt worden. Ein deutlich geringerer Aufwand an Infrastruktur, Technik und vor allen Dingen Personal, gute Wartbarkeit und intelligente logistische Konzepte ermöglichen die schnelle Anpassung an vielfältigste Anforderungen.“ Zum Beispiel der „fliegende Wechsel“ von Luft-Luft- zu Luft-Boden-Aufgaben.
Diese Fähigkeit war auch bei Green Flag gefragt. „Langsam kommen wir in die Ära der voll digitalen Luftnahunterstützung”, resümiert Wing-Commander Gavin Parker in Nellis. Denn die mit dem Datenlink-16 ausgestatteten Eurofighter können mit anderen Waffensystemen alle relevanten Informationen für eine Situationsübersicht zusammenspielen. Zudem verfügte Parkers Team über vier Fliegerleitoffiziere und einen Bodenverbindungsoffizier zum 4. Bataillon des Yorkshire Regiments.
Die Royal Air Force wertet die Teilnahme an Green Flag als vollen Erfolg. Deshalb will man 2009 wieder mit von der Partie sein.

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